Interview der Kulturtafel Bamberg der Zeitschrift Bezirk09


Interview der Kulturtafel Bamberg der Zeitschrift Bezirk09

Beitragvon Nina Kusnezow KT Bamberg » 13. Jun 2012, 15:32

Bamberg birgt mit über 20 Theaterbühnen, mehr als 30 Orchestern, zahlreichen Museen, Kinos und jeder Menge Sportveranstaltungen ein überwältigendes Kulturangebot. Davon profitierten bisher vor allem Touristen und wohlhabendere Bewohner der Stadt. Bamberger, die sich diese Angebote nicht leisten können, blieben weitgehend ausgeschlossen. Seit Anfang des Jahres gibt es jetzt die Kulturtafel Bamberg, die ein intelligentes System gefunden hat, auch Menschen mit weniger Vermögen Zugang zum kulturellen Reichtum der Stadt zu verschaffen. Im Gespräch erzählen die Initiatorin Nina Kusnezow, die ehrenamtliche Mitarbeiterin und Sprachdidaktin Annette Pöhlmann und die Bedürftigen Rudolf Pletsch und Brigitte Borowka, wie die Kulturtafel entstand, wie sie funktioniert und wieso der Mensch Kultur ebenso dringend benötigt, wie sein täglich Brot.

Frau Kusnezow, die „Kulturtafel“ ist ein Modellprojekt in Bayern. Woher stammt die Idee Bedürftigen Zugang zu kulturellen Veranstaltungen zu verschaffen?

Nina Kusnezow: Aus Marburg. Dort wurde vor zwei Jahren die „Kulturloge“ geboren. Ich dachte: Das brauchen wir auch. Ich arbeitete ehrenamtlich im Evangelisch-Lutherischen Dekanat, dort brachte ich die Idee zur Sprache. Man stellte es der Stadt vor und schnell waren sich alle einig: Im Januar geht es los, in Zusammenarbeit mit der Diakonie Bamberg-Forchheim. Auch in Hamburg, Berlin und München gibt es ähnliche Projekte, doch wir machen etwas, das keine Kulturloge macht: Wir vermitteln freie Plätze von Dauerkarten. Wenn jemand ein Abo einer gewissen Veranstaltungsreihe hat, aber an einem Termin verhindert ist, muss er nur kurz anrufen und ich vermittle seinen Platz. So verfällt seine Karte nicht, sondern kommt jemand anderem zugute - wie bei einer Lebensmittelstafel. Daher auch der Name.

Wer gilt denn eigentlich als bedürftig und wie kontrollieren Sie das?

Kusnezow: Wir halten das so einfach wie möglich. Wenn jemand von der Bamberger Lebensmitteltafel kommt, prüfe ich seine Bedürftigkeit nicht weiter. Auch mit Einrichtungen wie dem sozialen Treffpunkt „Menschen in Not“ habe ich vereinbart, dass sie Interessenten bloß einen Stempel auf die Anmeldung geben müssen, damit ich Bescheid weiß. Leute ohne eine solche Einrichtung im Rücken müssen mir Beweise wie z.B. ihren Hartz IV-Bescheid zeigen. Und für diejenigen, die auf dem Papier gar nicht bedürftig sind, aber trotzdem wenig verdienen, haben wir ein eigenes Formblatt ausgearbeitet. Wir sind sehr großzügig mit der Bemessung. Lieber gehen wir ein bisschen höher, als zu tief, immerhin wollen wir so viele Menschen wie möglich erreichen.

Annette Pöhlmann: Wir zielen zum Beispiel auf Sozialarbeiter, die sich, obwohl es vorrangig ihre Betreuten sind, die die Tafel nutzen, denken: Ich habe eigentlich auch nie Geld für so was. Oder meine Nachbarn: Rentner, die früher immer ein Dauerabo besaßen, es sich jetzt aber nicht mehr leisten können. Die Kulturtafel in Anspruch zu nehmen, heißt nicht automatisch, am Hungertuch zu nagen.

Herr Pletsch, wie war das bei Ihnen, wie sind Sie zur Kulturtafel gekommen?

Rudolf Pletsch: Ich bin jetzt 65 Jahre alt und Frührentner. Ich war selbstständiger Anlageberater und hatte eines Tages Pech, ging pleite und landete in der Überschuldung. Eine Zeit lang bezog ich HartzIV, heute arbeite ich wieder - als Hausmeister. Trotzdem habe ich nicht genug Geld, mir Konzerte oder Sportveranstaltungen zu leisten, was ich früher regelmäßig getan habe. Seit meiner Krise arbeite ich ehrenamtlich bei der Essenstafel Bamberg mit. Darüber habe ich auch die Kulturtafel kennengelernt und bin begeistert.

Gab es mal einen Moment, in dem Sie sich für die Inanspruchnahme des Angebots geschämt haben?

Pletsch: Gar nicht. Man holt sich einfach sein Ticket wie jeder andere auch und geht an seinen Platz. Da gibt es keine Platzzuweisung nach der Manier: „Das ist der Armenplatz“ oder eine komplizierte Ausweispflicht an der Kasse. Man bewegt sich genauso frei wie alle anderen auch, es ist ja bloß ein Nachrücken auf nicht genutzte Plätze.

Frau Kusnezow, wie war das am Anfang: Haben die Institutionen und Abonnenten sofort mitgemacht und Karten zur Verfügung gestellt?

Kusnezow: Alle Abonnenten der Bamberger Symphoniker und des E.T.A Hoffmann Theaters bekamen per Post Flyer zugesandt. Auch gab es Radioberichte, Zeitungsartikel und Fernsehbeiträge über das Projekt und man sprach in der Kirche und auf der Straße darüber. Bereits im November und Dezember kamen die ersten Kartenangebote ins Diakonische Werk, da wusste noch gar keiner, wohin damit. Es sollte ja erst im Januar losgehen. Ich kümmerte mich ehrenamtlich um die ersten Vermittlungen. Am Anfang hatte ich gerade einmal acht Bedürftige auf meiner Liste, heute sind es 334 und wöchentlich kommen neue Leute dazu. Ich habe von Januar bis heute 446 Karten vermittelt, in diesem Moment liegen wieder über 200 neue Karten zur Vermittlung in meiner Kartei.

Wie behalten sie diesen riesigen Organisationsbedarf unter Kontrolle?

Kusnezow: Wir haben schnell gemerkt, dass mein ehrenamtliches Engagement nicht reicht, also schuf man mir eine 30-Stunden-Stelle. Da ich vorher selbst Hartz IV bezog, ist das natürlich ein erfüllendes Gefühl. Man hat hier im Haus extra ein Computerprogramm für mich entwickelt. Darin sehe ich, welche Karten in den nächsten Wochen noch zu vermitteln sind und ich habe eine Kartei, in der alle Bedürftigen enthalten sind, die wiederum nach ihren spezifischen Interessen sortiert sind. Bei der Anmeldung müssen sie ankreuzen: Basketball, Fußball, Jazz, Klassik, Pop/Rock, Theater, Kino und so weiter. Ich weiß so in Sekundenschnelle, für wen eine bestimmte Karte in Frage kommt. Vor allem kann ich sie gerecht verteilen, denn ich sehe auch, wer zuletzt welche Veranstaltung besucht hat. Die Karten biete ich dann im persönlichen Gespräch per Telefon an.

Dass Sie auch Fußball- und Kinokarten verteilen, heißt: Kultur bedeutet nicht automatisch Hochkultur?

Kusnezow: Nein! Von den Symphonikern über Karten für die Brose Baskets ist alles dabei, was Spaß macht.

Gibt es auch Wunschtermine, kann jemand anrufen und sagen: Ich würde gerne zu dieser oder jener Veranstaltung?

Kusnezow: Es gibt diese Anrufe, aber ich kann nicht alles zaubern. Kürzlich rief jemand an und sagte: Es kommt eine Insektenausstellung in die Stadt, ich habe Ihnen schon die Telefonnummer rausgesucht, wäre es möglich, dass Sie uns Karten besorgen? Immerhin konnte ich daraufhin ein paar der Eintrittskarten von acht Euro auf drei Euro herunterhandeln und eine kleine Gruppe konnte die Ausstellung besuchen.

Was sind die Lieblingsevents, wo Sie wissen: Da wollen jetzt alle hin?

Kusnezow: Das sind vor allem Zirkusvorführungen, Sportveranstaltungen, Turnshows und natürlich Kino.

Frau Pöhlmann, Sie arbeiten eigentlich Vollzeit an der Uni Bamberg am Lehrstuhl für Deutschdidaktik, wie kam es zur ihrem ehrenamtlichen Engagement an der Kulturtafel?

Pöhlmann: Ich habe um die Jahreswende herum über die evangelische Kirchengemeinde St. Stefan von der Kulturtafel gehört und dachte: Da kann ich bestimmt helfen. Durch meine Arbeit an der Uni, aus Zeiten als Grundschullehrerin und als Mutter von zwei Kindern bin ich kulturell in Bamberg gut eingebunden.

Wie reagieren die Leute, wenn Sie vorbeischneien?

Pöhlmann: Zuerst fragen sie: Wie aufwendig wird das denn für uns?

Kusnezow: Dabei ist es einfach und läuft papierlos. Die Ansprechpartner an der Kasse bekommen die Namen der Ersatzbesucher und schreiben den Platz lediglich um.

Pöhlmann: Das schlagende Argument bei Veranstaltern, die zweifeln, ist immer, dass es sie nichts kostet und sie sich um nichts kümmern müssen. Die Plätze blieben ja leer, wenn wir sie nicht füllten. Und wenn man bei einer ausverkauften Lesung beispielsweise mal einen Stuhl dazu stellt, tut das auch keinem weh. Ich sage immer: „Seht es als euren Beitrag zum sozialen Engagement.“

Frau Borowka, Sie sind sowohl Bedürftige als auch ehrenamtliche Mitarbeiterin der Kulturtafel, wie kam es dazu?

Borowka: Meine Psychotherapeutin sagte: Gehen Sie doch mal ins Kino oder ins Theater, das tut ihnen gut. Ich sagte: Von was denn? Mein Budget ist eng bemessen, ich hab wenig Geld und viele Schulden. Da sind selbst fünf Euro oft zu viel. Dann gab sie mir den Flyer von der Kulturtafel. Ich rief an, Frau Kusnezow lud mich ein und ich füllte das Formblatt aus. Gleich am nächsten Tag durfte ich auf eine Revue von Peter Kraus gehen, zwei Tage später auf ein Konzert der Symphoniker. Ich war seit 30 Jahren in keinem Symphoniker-Konzert mehr. Es war so erfüllend und beruhigend für meine Seele, ich war lange nicht mehr so glücklich gewesen. Zur Buchmesse nach Leipzig durfte ich dank der Tafel auch schon fahren.

Was war ihr tollster Moment, Herr Pletsch?

Pletsch: Für ein Spiel der Brose Baskets bekam ich eine VIP-Karte. Ich hatte ja von so etwas schon gehört, aber erlebt habe ich es noch nie. Sie müssen sich vorstellen: Ich komme dahin, werde vom Feinsten empfangen und bekomme gesagt: Iss‘ was du willst, trink‘ was du willst, tu‘ was du willst! Und dann sitze ich direkt am Ball, in der ersten Reihe. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Sonst habe ich es oft nicht einmal hingebracht, mir einen Stehplatz zu ergattern.


Wissen Sie noch, woher die Karte kam, Frau Kusnezow?

Kusnezow: Die Lotto Toto Bezirksstelle hatte uns damals sechs VIP-Karten geschenkt. Bei so tollen Karten fällt es mir sehr schwer, sie gerecht zu verteilen. Derzeit habe ich auch wieder zwei Karten, die jeweils 70 Euro wert sind. Oft versuche ich zu schauen, ob vielleicht gerade jemand Geburtstag hat.

Wie sehen die Zukunftspläne der Kulturtafel aus?

Pöhlmann: Wir möchten mehr Events für Kinder mit reinnehmen. Ich kenne viele Kinder, die gern in der Kartei wären, deren Eltern sich bloß nicht um den Beitritt kümmern. Die Kinder sind aber irgendwann in einem Alter, in dem sie allein losgehen können, falls die Mama einfach nicht vom Sofa aufsteht. Bei klassischen Konzerten denke ich oft, dass mehr Musikdidaktik-Studenten Karten bekommen sollten. Die meisten Leute kreuzen ja doch nur Kino und Basketball an und da bleiben manchmal klassische Veranstaltungen über - oder werden immer von denselben Leuten besucht.

Verfolgt die Kulturtafel da auch ein Bildungsanliegen - schlagen Sie Leuten manchmal vor, es statt des Kinos mal mit einem klassischen Konzert zu versuchen?

Kusnezow: Das versuche ich öfters und freue mich immer über dankbare Rückmeldungen. Als unser wichtiges Ziel sehe ich ein breites Spektrum von Kulturangeboten an unsere Gäste zu bringen und sie somit in das gesellschaftliches Leben wieder zu integrieren.
Nina Kusnezow KT Bamberg
 
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Re: Interview der Kulturtafel Bamberg der Zeitschrift Bezirk

Beitragvon Admin » 13. Jun 2012, 21:25

Danke fürs Einstellen hier in Forum.
Sehr interessant.
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Re: Interview der Kulturtafel Bamberg der Zeitschrift Bezirk09

Beitragvon Christine Krauskopf Kulo HDH » 17. Okt 2012, 17:30

Ein tolles Interview!
Christine Krauskopf Kulo HDH
 
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